Manchmal zweifle ich an meinem Job. Und an meinen Patienten. An einigen zumindest.
Heute ist so ein Tag.
Das Ehepaar C ist seit einiger Zeit bei mir in Therapie, weil es sexuell nicht mehr so klappt wie früher. Die beiden sind seit 8 Jahren verheiratet, er sieht die große 40 nahen und arbeitet schwer an einer Midlife-Crisis. Das ist nicht neu und er ist auch nicht der Einzige meiner Patienten, dem es so geht. Soweit ist an dem Fall nichts Ungewöhnliches. Auch dass Herr C mich um ein Einzelgespräch gebeten hat, ist als normal zu betrachten.
Der Verlauf dieses Gespräches allerdings nicht…
sweetsins: Gut, Herr C, Sie wollten ohne Ihre Frau mit mir sprechen. Worum geht es denn?
Herr C: Ja… ähm… wissen Sie… wir haben ja schon zu dritt darüber gesprochen… ich habe diese Probleme… Sie wissen schon… sexuell…
sweetsins: Ja, Herr C, wie Sie sagten, ist das der Grund für die Paartherapie. Aber das haben wir ja bereits mehrfach mit Ihrer Partnerin gemeinsam durchgesprochen – es gibt sicherlich diesbezüglich noch etwas Weitergehendes, was Sie bewegt?
Herr C: Ja… wissen Sie… früher war das anders… also… auch meine Frau…
sweetsins: Nun, im Laufe einer Beziehung treten immer gewisse Veränderungen ein. Wovon sprechen wir denn genau?
Herr C: Naja… Sie wissen schon…
sweetsins: Nein. Nicht, bevor Sie es mir gesagt haben.
Herr C: Ach, kommen Sie… sexuell… Sie wissen schon…
sweetsins: Herr C, nein, weiß ich nicht. Ich arbeite hart an mir, aber ich tu mich schwer mit dem Gedanken lesen!
Herr C: Naja… Meine Frau… ach… früher… oje, wie soll ich das sagen… Ich fand sie früher einfach… naja… attraktiver!
sweetsins: Ach so. Nun, Sie sind ja schon 8 Jahre verheiratet, da ist es durchaus ein verbreitetes Problem. Der Partner wird einem vertraut, was auf der einen Seite gut ist, aber natürlich dieses anfängliche Prickeln vermindert. Andererseits…
Herr C (unterbricht): Nein, nein… ich meine… naja… weniger… ATTRAKTIV!
sweetsins: Ich bin mir nicht sicher, ob sich Sie verstehe.
Herr C: Ach… Sie wissen schon… körperlich…
sweetsins: Aha. Hat sich Ihre Frau denn in der Zeit Ihrer Ehe verändert? Gewichtszu- oder abnahme? Sonstige drastische Veränderungen des Aussehend?
Herr C: Nein, fast gar nicht… Naja, wir werden ja alle nicht jünger, haha… Aber sonst nicht viel.
sweetsins: Dann weiß ich nicht, worauf Sie hinaus wollen.
Herr C: Vielleicht hat sich einfach mein Geschmack geändert.
sweetsins: Keine Ahnung. Sagen Sie’s mir.
Herr C: Jedenfalls… es läuft nicht mehr wie früher.
sweetsins: Ja, auch darüber haben wir in den Sitzungen mit Ihrer Frau mehrfach gesprochen. Aber was wollen Sie denn nun mit mir allein besprechen?
Herr C: Naja… dürfen Sie eigentlich auch Rezepte schreiben?
sweetsins: Rezepte?
Herr C: Sie wissen schon…
sweetsins: Nein. Immer noch nicht.
Herr C: Naja, die kleinen blauen Pillen…
sweetsins: Viagra.
Herr C: Schhhhhhhhhhh! Nicht so laut!
sweetsins: Herr C, das ist doch kein Grund, sich zu schämen. Übrigens hört uns hier auch niemand. Um aber Ihre Frage zu beantworten: Nein, Viagra darf ich Ihnen nicht verschreiben, da müssen Sie sich an einen Arzt wenden, ich kann Ihnen einen guten Urologen empfehlen, falls Sie einen brauchen.
Herr C: Nein… Das ist ja schade… Wissen Sie, ich glaube, der Arzt versteht das nicht.
sweetsins: Herr C, ich kann Ihnen versichern, Ärzte werden damit häufiger konfrontiert, die verstehen das Problem sehr wohl.
Herr C: Ja… Aber das ist etwas anderes…
sweetsins: Und warum?
Herr C: Naja… das ist ja psychisch.
sweetsins: Ja, das ist es in vielen Fällen.
Herr C: Äh, haben Sie denn dann wenigstens eine Adresse für mich?
sweetsins: Natürlich, ich gebe Ihnen die Karte von einem sehr verständnisvollen Urologen, wenn Sie möchten, kann ich Ihnen auch ein erklärendes Schreiben mitgeben.
Herr C: Nein, von einem Profi…
sweetsins: Ich kann Ihnen versichern, der Urologe ist ein Profi – nicht, dass ich jemals von Amateur-Urologen gehört hätte…
Herr C: Nein… Sie wissen schon…
sweetsins (allmählich genervt): Nein. Wieder einmal nicht.
Herr C: Naja, ein PROFI.
sweetsins: Herr C, können wir nicht EINMAL Klartext reden?
Herr C: Naja, ich muss doch erstmal ausprobieren, ob ich die Pillen überhaupt brauche…
sweetsins: Ich dachte, Ihre Potenzstörung wäre der Grund Ihres Hierseins?
Herr C: Ja… Aber vielleicht ist das ja nur bei meiner Frau so…
sweetsins: Sie meinen jetzt hoffentlich nicht, was ich gerade glaube…
Herr C: Ja… Vielleicht geht ja alles, wenn jemand… naja… WEIß, wo er hinfassen muss.
sweetsins (sarkastisch): Ja… Ich nehme an, Sie haben mehrere Penise?
Herr C: Bitte?
sweetsins: Nichts. Habe ich jetzt richtig verstanden, Sie wollen von mir die Adresse einer Prostituierten? Um auszuprobieren, ob Sie mit einer “Fachfrau” auch Erektionsstörungen haben?
Herr C (sichtlich erleichtert): Genau.
sweetsins: Herr C, ganz abgesehen davon, dass ich keine Patienten an Prostituierte weiterüberweise, HABE ich auch keine derartigen Adressen in meinem Schreibtisch liegen. Ihr Wunsch ist ein wenig ungewöhnlich. Wenn Sie also eine Prostituierte wollen, empfehle ich den traditionellen Weg, sprich, den Gang in ein Bordell. Ich muss Sie aber als Ihre PAARTHERAPEUTIN darauf hinweisen, dass ich dringend empfehle, so etwas VORHER mit Ihrer Frau zu besprechen!
Herr C: Ach… aber die möchte das bestimmt nicht.
sweetsins: Ein Grund mehr, es mit Ihr zu besprechen. Alles andere wäre dann nämlich Hintergehen und das löst Ihre Beziehungsprobleme auch nicht wirklich.
Herr C: Aber wenn Sie es nicht erfährt?
sweetsins: Herr C, ich bin Paartherapeutin und ich kann Ihnen aus meiner Erfahrung sagen, dass in 90% der Fälle, der Partner IRGENDWIE davon erfährt. Und dass ein solches Verhalten in keiner Weise beziehungsförderlich ist. Ich weiß wirklich nicht, was Sie sich da vorstellen!
Herr C: Aber Viagra hat doch Nebenwirkungen!
sweetsins: Ja. Betrug allerdings auch.
Herr C: Ja… Meinen Sie, man könnte meine Frau überreden, mitzukommen?
sweetsins (entnervt): Wenn Sie das möchten, können wir das Thema gern in der nächsten Sitzung besprechen.
Herr C: Naja… Können Sie dann sagen, dass es IHRE Idee war?
sweetsins: Nein.
Herr C: Warum nicht?
sweetsins: Weil ich meine Patienten nicht belüge!!!
Herr C: Können Sie dann eine Überweisung ausschreiben?
sweetsins: Zum Urologen?
Herr C: Nein, für meine Frau und mich zu einem Profi?
sweetsins: Herr C, das meinen Sie jetzt nicht ernst!
Herr C: Aber dann würde Sie vielleicht mitgehen!
sweetsins: Ich breche dieses Gespräch jetzt ab.
Herr C: Aber warum denn nicht?
sweetsins: Weil ich Therapeutin bin und keine Kupplerin!!!
Herr C: Aber das würde vielleicht helfen!!!
sweetsins: Herr C, falls Ihre Frau die Scheidung einreicht, werde ich für sie aussagen!
Herr C: Aber dann geben Sie mir wenigstens eine Adresse, oder?
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